Nachfolge ist keine Altersfrage, sondern eine Frage der nächsten Entwicklungsphase
Verfasst von Martin Wilderer für die 59. Ausgabe des Handelsblatts. Herausgegeben am 25.03.2026. Die digitale Version ist hier verfügbar.
Unternehmer verkaufen nicht nur Unternehmen. Sie übergeben Lebenswerke. Das braucht mehr als einen Prozess. Dr. Martin Z. Wilderer, Managing Partner der Board Advisors AG, über »Crowd Experience« – und warum Nachfolge keine Transaktion, sondern eine Transformation ist.
Herr Dr. Wilderer, viele Unternehmer stehen unter Druck – geopolitisch, technologisch, personell. Was verstellt heute den Blick auf strategische Perspektiven – gerade bei Nachfolgefragen?
Das operative Geschäft dominiert. Wer täglich Entscheidungen unter Unsicherheit trifft, verschiebt Grundsatzfragen gern nach hinten. Nachfolge wird emotional aufgeladen – und vertagt. Doch Vertagen reduziert Optionen. Kapital ist selektiver, Käufer professioneller, Geschäftsmodelle schneller angreifbar. Wer erst handelt, wenn die Energie nachlässt oder der Markt kippt, verkauft aus Druck – nicht aus Stärke. Nachfolge beginnt nicht mit einem Mandat. Sie beginnt mit Ehrlichkeit gegenüber sich selbst: Was braucht dieses Unternehmen, um in die nächste Phase zu gehen, und wer könnte das am besten machen?
Ihr Netzwerk an Unternehmern und
Führungskräften setzt bewusst auf Erfahrung, um Unternehmen ins Lot zu bringen. Zählen Erfahrungen also doch mehr als theoretische Spielereien?
Der Transaktionsprozess ist auf den ersten Blick einfaches Projektmanagement, bei dem zunehmend KI atemberaubend unterstützen kann. Als Unternehmer, der selbst Unternehmen aufgebaut und verkauft hat, weiß ich, dass Excel nur die halbe Wahrheit zeigt. Etwas genauer hingeschaut, handelt es sich jedoch um ein komplexes Thema: Es geht um die Zukunft des Unternehmens, die Zukunft des Unternehmers, den richtigen Zeitpunkt, clevere Verhandlung, Prozessdynamik, Emotionen auf allen Seiten und eine Menge beweglicher und nicht beeinflussbarer Faktoren. Der Unterschied zeigt sich nicht im Datenraum, sondern im Moment, wenn Emotionen aufeinandertreffen – zwischen Käufer, Management und Unternehmerfamilie. Unternehmer sprechen anders über ihr Unternehmen als Investoren. Wer selbst aufgebaut, geführt und vielleicht verkauft hat, versteht die Identitätsfrage dahinter. Wir bringen deshalb nicht eine Einzelmeinung an den Tisch, sondern kuratierte Erfahrung aus Unternehmern, Inves- toren und Beiräten. Gute Entscheidungen entstehen im Resonanzraum – nicht im Alleingang.
Wann sollte ein Unternehmer aufhören, allein zu entscheiden?
Wenn er merkt, dass er die gleichen Fragen immer wieder denkt – ohne neue Antworten zu bekommen. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Zeichen, dass man aus dem eigenen Kontext herausgetreten ist. Die besten Unter- nehmer, die wir kennen, sind nicht diejenigen, die alles alleine wissen. Es sind diejenigen, die früh anfangen, externe Perspektiven an den Tisch zu holen – und produktiv mit ihnen zu »streiten«.
Gibt es bei Nachfolgen einen klassischen Denkfehler?
Der größte Denkfehler ist, Nachfolge als Altersfrage zu sehen. In Wahrheit ist sie eine Frage der nächsten Entwicklungsphase. Erst im Alter darüber nachzudenken, ist limitierend und kann sich schnell zur eigenen Zukunfts- und Identitätsfrage verschieben. Aus unserer Sicht ist es ein strategischer Übergang von einer Phase in die nächste, sowohl für das Unternehmen als auch für den Unternehmer selbst. Das hat auch nichts mit dem Alter zu tun.
Sie verstehen M&A nicht als isolierte Transaktion, sondern als Teil der
Unternehmensentwicklung. Was heißt das konkret?
In der Tat. Board Advisors versteht sich nicht als klassisches M&A-Haus, sondern als strategischer Sparringspartner für Unternehmer in Übergangsphasen. Eine Transaktion ist kein Ereignis. Sie ist ein strategischer Schritt im Lebenszyklus eines Unternehmens. Fragen, die hier relevant sind:
- Welche Rolle soll das Unternehmen im Markt künftig spielen?
- Welche Investitionen wären nötig, um dahin zu kommen?
- Wer kann dies am besten umsetzen, sowohl als Führungskraft als auch als Gesellschafter?
- Wenn man feststellt, dass ein anderer das Unternehmen in der nächsten Phase besser leiten kann, wer wäre das und was würde es brauchen, dass das Unternehmen für diesen Wunschkandidaten attraktiv ist?
Mit diesen Fragen eröffnet man sich Zukunftsoptionen, die man aktiv gestalten kann. Die besten Ideen kommen dabei oft von ganz unerwarteter Seite. Das zu provozieren, ist unser Hauptanliegen mit unserem Ansatz der Crowd-Experience.