Verfasst von Martin Wilderer
Letzte Woche hat die alljährliche CES stattgefunden. Ich habe diese nicht als „nächsten AI-Hype“ wahrgenommen, sondern als einen Wendepunkt.
Meine Hypothese:
KI hat die App-Ebene verlassen. Sie wird Teil physischer Systeme und damit zu einem Board-, Risiko- und Bewertungsfaktor.
Was wir gesehen haben, war weniger spektakulär als in früheren Jahren und genau das macht es aus meiner Sicht so relevant.
These 1: „Physical AI“ ist kein Zukunftsthema mehr – sie ist operativ
Robotik, Fahrzeuge, Maschinen, Geräte: KI wird nicht mehr ergänzt, sondern eingebaut. Nicht mehr als Chatbot, sondern von nun an als alleinstehendes System aus Sensorik, Modellen, Software, Updates und Sicherheit.
Meine Beobachtung:
- Der eigentliche Wert entsteht nicht durch „AI inside“,
- sondern durch funktionierende, wartbare, sichere Systeme.
Wenn das stimmt, dann lautet die entscheidende Managementfrage nicht mehr:
„Wo können wir AI einsetzen?“
sondern:
„Welche unserer Produkte werden AI-definierte Systeme – und welche bewusst nicht?“
These 2: Das größte Defizit ist nicht Technologie – sondern Governance
Neben dem, was gezeigt wurde, auch interessant, was fehlte:
- Kaum überzeugende Antworten auf Security, Privacy und Haftung.
- Viele KI-Funktionen, die sich eher wie Marketing-Add-ons anfühlen als durchdachte Produktentscheidungen.
- Ein implizites „Wir regeln das später“, obwohl KI bereits im physischen Betrieb angekommen ist.
Meine Hypothese hier: AI ohne Governance wird vom Innovations- zum Reputationsrisiko – schneller als vielen lieb ist.
Gerade für Boards halte ich das für gefährlich unterschätzt.
These 3: Interoperabilität bleibt der blinde Fleck – mit realen Kostenfolgen
Ja, es gibt Fortschritte (z. B. im Smart Home). Aber in Industrie, Robotik und Automotive bleibt die Realität: fragmentierte Stacks, Integrationsaufwand beim Kunden, Plattformabhängigkeiten.
Meine These: Integration wird kommen. Noch muss man sich selbst drum kümmern, darf aber nicht warten.
Warum das für Unternehmer, Aufsichtsräte und Investoren entscheidend ist
Wenn meine Hypothesen zutreffen, dann verschiebt sich der Bewertungsmaßstab:
- Nicht nur Markt und Marge zählen,
- sondern Systemfähigkeit: Update-Zyklen, Sicherheit, Datenhoheit, Plattformstrategie.
- Nicht nur „KI-Strategie“, sondern KI-Produktverantwortung.
Für PE-Investoren heißt das aus meiner Sicht: AI ist kein Add-on im Equity Story Deck mehr, sondern Teil der operativen Due Diligence.
Drei Fragen, die ich Boards aktuell stellen würde
- Wie sieht unsere Wertschöpfung End-to-End aus unter Einbezug von KI?
- Wo akzeptieren wir bewusst Plattform-Abhängigkeiten und wo nicht?
- Haben wir Security, Privacy und Compliance produktseitig gelöst oder nur juristisch?
Mein Fazit
CES 2026 war kein „Wow-Moment“, aber es zeigte, wie tief KI bereits in der Umsetzung integriert ist. Auch wenn vieles noch roh ist, geht es nicht mehr nur um Features, sondern um End-to-End Prozess Design, Teil der Wertschöpfung, Integration und natürlich auch alles, was an Governance dazu gehört. KI entscheidet nicht mehr nur über Innovation – sondern über Haftung, Bewertung und Vertrauen.